Das Jugendhilfswerk von der Gründung bis heute

 

1945   Stadtarchiv,

Bericht des Arbeitsamtes zur Situation der Menschen in Freiburg:

„Das Arbeitsamt muß die Feststellung machen, dass bei der Einbestellung zu irgendeinem Arbeitseinsatz in vielen Fällen der Einberufung keine Folge geleistet wird. Bei der dann gewöhnlich unter Androhung von Strafen erfolgten Vorladung werden übereinstimmend folgende Gründe für die anscheinend mangelnde Arbeitswilligkeit geltend gemacht:

Es sei einfach nicht möglich, längere Zeit oder auch nur mehrere Tage hintereinander mehr oder minder schwere Arbeit zu verrichten. Die Leute erklären, dass sie bei der geringen Brotzuteilung (täglich 145 gr.) morgens kaum etwas zu sich nehmen könnten, außer einer Tasse Ersatzkaffee. Mittags wäre es in den meisten Fällen unmöglich, zwecks Einnahme des Mittagessens nach Hause zu gehen wegen der Entfernung. Fahrräder seien zum großen Teil gestohlen oder requiriert worden und sonstige Fahrgelegenheiten kaum vorhanden. Mittags muß dann mit einem Stück trockenen Brotes vorlieb genommen werden, da als Brotaufstrich bekanntlich nur ein halbes Pfund Marmelade für die Zeit von vier Wochen zur Verfügung stände. ... An Sattessen sei nicht zu denken. ...

Die Androhung von Strafen hat keinerlei Wirkung, da einfach erklärt wird, man könne mit ihnen machen, was man wolle, sie könnten einfach nicht und wenn sie eingesperrt würden, müsste man ihnen auch zu essen geben. Viel weniger wie die jetzigen Rationen könnte das auch nicht sein.

In einer ganzen Reihe von Fällen dann angeordneter amtsärztlicher Untersuchungen auf Arbeitsfähigkeit musste der vom Militär-Gouvernement bestimmte Amtsarzt feststellen, dass tatsächlich der Ernährungszustand eine körperliche Tätigkeit kaum zulässt, auch wenn man einen strengen Maßstab anlegt.“

1947 Der Jugendstaatsanwalt Karl Härringer nimmt sich der notleidenden Jugendlichen in Freiburg an und setzt sich vehement in den städtischen Gremien, die sich unter der französischen Militärregierung neu gebildet hatten, für die Hilfe für junge Menschen ein.

Stadtarchiv Freiburg, Protokoll Mai 1948 über die Sitzung des Stadtjugendausschusses zu Punkt 1:

Herr Jugendstaatsanwalt HÄRRINGER berichtet über das Jugendhilfswerk. Die Anzahl der jugendlichen Rechtsbrecher ist im Vergleich zu den Vorkriegsjahren um das Fünffache gestiegen. Die Zahl der von Jugendlichen verübten schweren Verbrechen nahm sogar um das Zehnfache zu.

An materiellen Ursachen steht an erster Stelle die wirtschaftliche Not. Es ist noch kein Verbrecher, der aus Not stiehlt, zumal sich auch hier Kriegsfolgen auswirken. Besonders gefährdet sind die Jugendlichen der jüngeren Jahrgänge, die gerade noch zum Volkssturm, als Luftwaffenhelfer u.a. eingezogen worden waren und unter den Soldaten das „Organisieren“ gelernt hatten. Wohnungsnot und Flüchtlingsnot sind eine weitere Ursache der Jugendverwahrlosung. Etwa 40.000 nichtregistrierte, entwurzelte Jugendliche sind in Deutschland unterwegs und leben von Schwarzhandel, Bandendiebstahl und scheuen auch vor Raubmorden nicht zurück. ... Eine weitere Verwahrlosungsursache ist die Tatsache, daß für die Arbeit nicht der gerechte Lohn zugeteilt wird. Der Wert der Arbeit geht verloren, wenn der Erlös einer Schachtel Zigaretten mehr als ein Wochenverdienst beträgt.

Als seelische Verwahrlosungsursachen ist zu nennen der Zusammenbruch der Autorität. Im Glauben an eine gute Sache hat die Jugend schwere Opfer an Freiheit und Leben gebracht und wurde von den Trägern der Autorität bitter enttäuscht. Sie ist misstrauisch geworden. Furchtbare Familienverhältnis nach dem Krieg (Ehescheidungen), mangelhafte Erziehung (Vater in Gefangenschaft) und eine allgemeine Erziehungskrise der Jetztzeit, Erziehungsmängel in der Schule (Raumnot, Lehrernot, unvollständige Lehrerausbildung) gefährden die Jugend. Dabei ist ganz zu schweigen von böswilligen, versagenden Eltern, die ihre Kinder zum Stehlen anstiften, auf weiträumige Hamsterfahrten schicken u.a. Diesen Kindern können aus solcher Erziehung niemals klare Wertbegriffe wachsen.

Die Pflicht der Erwachsenen ist nicht zu schimpfen und zu schelten und nicht untätig Friedensverhältnisse abzuwarten, sondern zu helfen. Aus seinen Erfahrungen als Staatsanwalt hat sich Herr Härringer im Gewissen verpflichtet gefühlt, das Jugendhilfswerk ins Leben zu rufen. Das Ziel ist, Mängel, Handlungen und Ursachen, die zur Jugendkriminalität und Verwahrlosung führen können, zu beseitigen oder abstellen zu helfen.

Der Anfang wurde vor 5 Monaten mit 50 Jugendlichen gemacht, die jede Woche einmal zusammengenommen und mit jugendpflegerischen Mitteln – Sing- und Spielabende, Fahrt und Wandern u.a. – betreut werden. Man bemüht sich um diese Jugendlichen auch bei der Lehr- und Arbeitsstellenvermittlung durch Vermitteln leiblicher Hilfe – Essen und Bekleidung u.a. -. Notwendig ist ein Haus für diese Jugend, in dem diese Betreuungsarbeit zusammengefaßt werden kann. Die Aufgabe der Jugendorganisation sei, für diese Betreuungsarbeit aus ihrer Elite Helfer bereitzustellen, die sich ohne Vorurteile auch um die gefährdeten Jugendlichen, von denen man bald 120 erfassen will, mitsorgen. Neben der Stellung von Gruppenleitern könnten Paten genannt werden, die sich um besonders gefährdete, z.B. aus dem Gefängnis entlassene Jugendliche annehmen

 

1948  Im August kann das ehemalige Kunstvereinsgebäude in der Friedrichstraße mit Zustimmung der Stadt Freiburg als „Jugendhilfswerk“ eingeweiht werden. Das durch Bomben zerstörte Haus haben Helfer und Jugendliche gemeinsam notdürftig wiederaufgebaut.

Die Helfer (Gruppenleiter) sind meist Kriegsteilnehmer, die nun am Wohlfahrtspflegeseminar eine Ausbildung zum Fürsorger absolvieren. Sie unterstützen Karl Härringer unentgeltlich in der Betreuung der etwa 30 jungen Menschen. Diese ehrenamtlich Tätigen, die später nicht nur als den Freiburger Sozialen Schulen, sondern auch von der Pädagogischen Hochschule und der Universität kommen, haben in der Regel noch keine abgeschlossene Ausbildung für diese Arbeit, sondern bringen allenfalls Erfahrungen aus der Verbandsjugendarbeit mit sowie die Bereitschaft, ihre Freizeit mit den Jugendlichen zu verbringen, um sie dadurch vor einem völligen Abgleiten in Verwahrlosung und Delinquenz zu bewahren.

Die „Gruppenfrau“ – im Gegensatz zum Gruppenhelfer, ist für die Männer Anlass, sich ein Bild von ihr zu machen:

Protokoll der Helferversammlung vom 10.11.1958: „Als selbstverständlich wäre zu bezeichnen, dass die Gruppenfrau jedem Jugendlichen im Haus freundlich, vielleicht mit einem Prozentsatz Charme, gegenübertreten soll. Sie könnte damit eine Atmosphäre hervorzaubern, die den Jugendlichen nicht nur ein Zuhause fühlen lässt, sondern ihn auch ins Haus zieht. Somit hätte die Gruppenfrau manchmal unbewusst natürliche, pädagogische Hilfsmittel zur Hand, die sie vernunftsmäßig anwenden kann und muß. Voraussetzung hierzu, um von Jugendlichen nicht falsch verstanden zu werden, ist eine hohe, persönliche Lebensreife.“

1949   „Hohe Gäste“ sind den Kindern und Jugendlichen des Jugendhilfswerks nicht fremd. Da sie mit den unterschiedlichsten Bereichen, die gesellschaftliches Leben ausmachen, in Berührung kommen sollen, werden immer wieder Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, Sportler, Wissenschaftlicher und Politiker zu Darbietungen und Gesprächen geladen:
Karl- Ernst Dietrich, Gerd Fröbe, Williy Reichert, Beppo Brem, Max Schmeling u.a. Ein ganz besonderes Ereignis ist der Besuch des Hohen Kommissars der USA, John McCloy, im Januar 1952.

1953      Das gemeinsam wiederaufgebaute Kunstvereinsgebäude am Siegesdenkmal hat 5 Jahre lang regen Zulauf durch Jugendliche. Nun soll  es aus verkehrstechnischen Gründen abgerissen werden. Die Stadt Freiburg stellt dem Jugendhilfswerk ein in ihrem Eigentum befindliches Haus in der Fürstenbergstraße (Nr.21) zur Verfügung. Inzwischen werden 300 Acht- bis Einundzwanzigjährige durch das Jugendhilfswerk betreut. Am 28. Oktober 1953 ist die Gründungsversammlung für das Jugendhilfswerk Freiburg e.V.

Stadtarchiv Freiburg, Schreiben von Dr. Franz Flamm, Leiter des Wohlfahrtsamtes, an das Bürgermeisteramt:

„Dadurch, dass sowohl Vertreter der öffentlichen Jugendhilfe wie auch der Organisationen der freien Jugendhilfe für ihre Person dem neuen Verein beigetreten sind, soll zum Ausdruck gebracht werden, dass das Jugendhilfswerk ...... nicht nur eine persönliche Angelegenheit des Amtsgerichtsrats Härringer und seiner Helfergemeinschaft ist, sondern zugleich ein Anliegen sowohl der öffentlichen wie der freien Jugendhilfe. Wir glauben, dass es auf der neuen Rechtsgrundlage möglich sein wird, doch in weiterem Umfange als bisher zur Entlastung der öffentlichen Jugendhilfe gem. § 11 des Jugendwohlfahrtsgesetzes dem Jugendhilfswerk weitere Betreuungsaufgaben für die Freiburger gefährdete Jugend zu übertragen. Im Hinblick auf die Tatsache, dass Freiburg als Ausbildungszentrum für Sozialarbeiter im Bundesgebiet gilt, soll das Jugendhilfswerk zugleich eine Stätte für die praktische Ausbildung und fachliche Weiterbildung von Wohlfahrtspflegern und Wohlfahrtspflegerinnen werden. Auch die wissenschaftliche Arbeit ist zum Vereinszweck erhoben worden. Damit ist zunächst eine Entwicklung abgeschlossen, die zu einer neuen, inzwischen in weiten Teilen des Bundesgebietes anerkannten Form der Betreuung der gefährdeten männlichen Jugend geführt hat.“

Über Jahre gehören Ferienmaßnahmen in einer Hütte im Kleinwalsertal zum ständigen Jahresprogramm des JHW. Man bemüht sich nun um ein Haus in der Umgebung, um mit den Gruppen auch Wochenendfreizeiten durchführen zu können. Im Jahr 1953 wird ein Bauernhaus in Aeule in der Nähe des Schluchsees erworben, in dem viele Wochenend-Sommer- und Skifreizeiten verbracht werden.  Die Tage im Landhaus Aeule sind zu einem Element der Pädagogik in der Arbeit des JHW geworden, weil sie den Kindern und Jugendlichen Lernfelder eröffnen, die ihnen in ihrer familiären Umgebung fehlten.

1954   tritt Karl Härringer> auf Einladung des State Department eine 45tägige Reise durch die Vereinigten Staaten an. Er hat Gelegenheit, amerikanische Einrichtungen für straffällige und gefährdete Jugendliche kennenzulernen, wie auch seinerseits Juristen, Erziehern, Psychologen und Pressevertretern von den Grundsätzen und Erfahrungen des Jugendhilfswerks zu berichten.

In ´Time – The Weekly News Magazine` erscheint im Februar 1954 der Artikel “The Härringer Boys”:

Soup and Beggars
Judge Härringer began with a simple idea: “no ´bad´ boy is really bad”. He saw the delinquents as victims of Nazi- education, of war-torn marriages, of complacency and defeat. The children, he said, had been “derailed” by World War II. His first move was to herd a gang of 40 delinquents off to a soup kitchen instead of jail. There each boys got a meal, a pair of shoes, some clothes the judge had scrounged. Then they talked, not about crime or war, but about sports, music, dancing and books. The boys began to relax. They came back for more talk night after night. With that as a starter, Judge Härringer really got busy. He helped the boys turn an abandoned theatre into a civic center, hired professional musicians, asked local authors to give talks on the world´s great lierature, brought in actors to put on comedy skits. The judge haunted welfare groups, asking them to help him rustle up food and clothing. “There`s no question”, said one official, “that Härringer ist the most gifted beggar in town”. Said the judge with a smile: “We have to do the giving before we have the right to ask anything of these youngsters.”

1964    äußert die Stadt Freiburg die Bitte, eine von ihr begonnene Arbeit mit Zigeunern und Landfahrern (in der Siedlung an der Mundenhofer Straße und an der Opfinger Straße) auszubauen. Damit wird eine „Außenstelle“ des Jugendhilfswerks geschaffen.

Neben der Gruppenarbeit mit Jugendlichen spielt im JHW von Anfang an die sozialfürsorgerische Arbeit mit ihren Familien im Wohnquartier eine große Rolle. Zu den bisher praktizierten Arbeitsformen Einzelfall- und Gruppenarbeit komtm nun die Gemeinwesenarbeit hinzu. Das JHW dürfte somit der erste freie Träger in Freiburg sein, der die drei Formen professioneller Sozialarbeit in sich vereinigt.

Sechs Jahre späte, am 1. Januar 1970 übergibt das JHW die Trägerschaft der Betreuung von damals sog. „Problemfamilien“ in den Siedlungen an der Mundenhofer Straße und an der Opfinger Straße dem neugegründeten „Nachbarschaftswerk Freiburg e.V.“.

1969   Karl Härringer wendet sich in seiner Eigenschaft als Jugendrichter an die Landesregierung, mit der Bitte, „ein realisierbares Sofortprogramm vortragen zu dürfen“. In diesem Programm – das neben Beratung für Eltern und die heranwachsende Jugend Verbesserungen im Bereich der Jugendstrafrechtspflege (Untersuchungshaft und Jugendstrafvollzug) wie auch im Bereich der heutigen Jugendhilfe (Fürsorgeerziehung) zum Ziel hat – ist die Idee der Gründung eines „Instituts für praktische Jugendhilfe“ enthalten. Der bekannte Freiburger Kriminologe, Prof. Dr. Thomas Würtenberger, spricht sich in einer Denkschrift vom 4.7.1969 befürwortend für die Gründung eines solchen Instiututs und die Finanzierung durch das Land aus. Die etablierte Wissenschaft hat keine ausreichenden Hilfsangebote, und die praxisorientierte Forschung beginnt erst langsam, sich zu entwickeln.

1970   nimmt die neugegründete Teileinrichtung des Jugendhilfswerks unter der Bezeichnung Wissenschaftliches Institut des Freiburger Jugendhilfswerks an der Universität Freiburg ihre Tätigkeit auf.  Unter Leitung von Karl Härringer sind die Mitarbeiter zwei Diplompsychologen und eine Jugendpsychiaterin in analytischer Ausbildung. Das Institut soll ein psychologisches Beratungsangebot entwickeln, das auf die Klientel gefährdeter und straffällig gewordener Jugendlicher und ihrer Angehörigen zugeschnitten ist. Darüber hinaus sollen mit wissenschaftlichen Methoden Hilfsmaßnahmen für gefährdete und straffällige Jugendliche erforscht und verbessert werden. Da die Methoden im Bereich von Diagnostik und Therapie größtenteils auf Angehörige der Mittelschicht ausgerichtet sind, soll es Hauptaufgabe des neuen Institutes sein, diese Methoden auf ihre Anwendbarkeit bei Unterschichtsangehörigen zu überprüfen und zu modifizieren.


1976
 
  wird die dritte Einrichtung in der Trägerschaft des Jugendhilfswerks Freiburg e.V. eröffnet: das Haus Konradstraße, ein sozialtherapeutisches Wohnheim für jugendliche Probranden der Bewährungshilfe, für „Konfliktjugendliche und Streuner“, bei denen eine Veränderung ihrer aktuellen Wohn- und Lebenssituation angezeigt erscheint. 

Hierzu hat die große Zahl derer, die mit dem Gründer als Richter oder als ´Vater des Jugendhilfswerks´ Bekanntschaft gemacht haben, entscheidend beigetragen. Das Städtische Hochbauamt Freiburg beziffert die Summe der Arbeits- und Sachleistungen der „Ehemaligen“ – die nun als Handwerker, Handwerksmeister oder Beetriebsinhalber bei der Instandsetzung des städtischen Gebäudes für diesen Zweck tätig sind, auf 340.000 DM.


1978
 
  Die Teileinrichtungen des Jugendhilfswerks sind alle aus einer Bedarfssituation heraus entstanden, weil es nichts dergleichen gegeben hat. Für die in den JHW – Einrichtungen betreuten Jugendlichen bekommt das Thema „Arbeit und Berufsfindung“ eine immer stärkere Bedeutung. Diese Jugendlichen bedürfen einer spezifischen vorberuflichen Förderung. Eine solche Institution gibt es nicht in Freiburg. So geht das Jugendhilfswerk das Risiko der Trägerschaft für eine 4. Teileinrichtung ein und gründet die „Werkstatt Karthäuserstraße“.

Karl Härringer legt den aktiven Vorsitz im Jugendhilfswerk nieder. Der Vorstand ernennt ihn zum Ehrenvorsitzenden.

Im Laufe der Entwicklung des Jugendhilfswerks haben sich Betreuungsgrundsätze entwickelt und bewährt:

 

  • Den Jugendlichen so annehmen, wie er ist.

  • Betreuung, d.h. kombinierte Einzel- und Gruppenbetreuung, setzt ein Vertrauensverhältnis zwischen Helfer und Jugendlichen voraus.

  • Die Einbeziehung der Umwelt des Jugendlichen in die pädagogische Arbeit ist notwendig.

  • Freiwilligkeit: Jugendliche sollen gerne kommen, weil sie sich im JHW wohlfühlen.

  • Dem Jugendlichen Gutes zutrauen!

  • Werte vermitteln, wie: Solidarität auch Schwächeren gegenüber, Verantwortung übernehmen für sich und Andere.

  • Jugendliche sollen sich eine Existenzgrundlage schaffen: aus schwierigen Kreisen der Umgebung heraustreten, zu einem sich selbst und andere achtenden Mitbürger werden

Zunehmend beschäftigt sich das Jugendhilfswerk mit heftigem Für und Wider auch mit der Frage: Können und sollen Mädchen in die Betreuungsarbeit einbezogen werden? So überraschen ehemalige Mitarbeiter die zur 30-Jahr-Feier geladenen Gäste mit einem Flugblatt:

„Die Jugendarbeit im JHW wird den tatsächlich vorhandenen Problemen der Jugendlichen nicht gerecht, wenn ihnen der andersgeschlechtliche Personenkreis – eben Mädchen – satzungsgemäß schlichtweg vorenthalten wird. Wir fordern, dass endlich kurzfristig Interessengruppen im JHW eingerichtet werden, wo auch Mädchen einbezogen sind – langfristig gemischte Gruppen eingerichtet werden.“


1979
 
  sind sich Vorstand, Mitarbeiter und Mitglieder schließlich einig, im folgenden Jahr Mädchen aufzunehmen. Für die Dauer eines Jahres wird dieser Versuch vom WI-JHW wissenschaftlich begleitet mit dem Ergebnis: Die geäußerte Sorge, dass die Hereinnahme von Mädchen Probleme aufwerfen würde, was den Umgang der Geschlechter miteinander anbelangte, erweist sich als unbegründet.

 

1983   Neben den Aufgaben der Jugendhilfe nimmt das JHW seit jeher Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege wahr. In den 50er und 60er Jahren hatte es im Haus Fürstenbergstraße sog. „Probandenzimmer“ gegeben, in denen unter Bewährungsaufsicht stehende Jugendliche und Heranwachsende für einige Zeit wohnen konnten. Nach 1978 nimmt die Sozialtherapeutische Wohngruppe „Haus Konradstraße“ diese Jugendlichen auf, die ohne Dach über dem Kopf oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Als nun in Freiburg eine neue ambulante Maßnahme nach dem Jugendgerichtsgesetz, eine Betreuungsstellefür Jugendliche mit einer richterlichen Weisung (§ 10 JGG) installiert werden soll, erklärte sich das JHW bereit, den Bereich „Betreuungsweisungen“ aufzubauen.

Längst haben professionelle Frauen (Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen) die „Gruppenfrauen“ abgelöst. Doch erst 1983 wird im JHW die erste Frau Leiterin einer JHW – Einrichtung (Leitung des Hauses Konradstraße).


1984
  In der Arbeit des Jugendhilfswerks ist es in der Vergangenheit hauptsächlich darum gegangen, Mängel zu beheben und Defizite auszugleichen. Plötzlich werden  die Mitarbeiter mit einem „Zuviel“ konfrontiert: Bei einigen Jugendlichen fällt auf, dass sich der Gebrauch von elektronischen Spielgeräten zu suchtähnlichen Formen der Betätigung entwickelt, bei Kindern zeichnet sich ein besorgniserregender Fernseh- und Videokonsum ab. Im JHW wird eine Arbeitsgruppe gebildet, die zu einer Einschätzung dieses Problems kommen und Strategien entwickeln soll, wie dem zu begegnen sei. Angesichts der allgemeinen Entwicklung neuer Medien ergibt sich ein neuer Handlungsbedarf: Ein Arbeitsbereich Sozialpädagogische Medienarbeit wird am Wissenschaftlichen Institut des Jugendhilfswerks geschaffen, der zunächst mit aktiver Videoarbeit mit Kindern und Jugendlichen beginnt. Da das schnelle Voranschreiten der Medientechnologie insbesondere für sozial belastete junge Menschen die Gefahr neuer Ausgrenzung heraufbeschwörte, ist es vorrangiges Anliegen der Sozialpädagogischen Medienarbeit, Kinder und Jugendliche in einer aktiven und kritischen Auseinandersetzung mit neuen elektronischen Medien zu fördern.

Das Medienzentrum des WI-JHW bietet seitdem Kindern, Jugendlichen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Einrichtungen der Jugendhilfe, Jugendarbeit und Schule Unterstützung darin, mediale Entwicklungen zu verstehen und sie bewusst und eigenständig zu handhaben.

An Gastarbeiter aus dem europäischen Ausland  haben sich die Menschen mittlerweile gewöhnt. Innerhalb der Jugendarbeit in der Fürstenbergstraße stellt jedoch der auf 15 % angewachsene Anteil von Kindern und Jugendlichen ausländischer Herkunft spezifische Anforderungen an die Art der Begegnung und an die Pädagogik. Neue Aspekte werden  in der Gruppenarbeit berücksichtigt: die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, Sitten und Gewohnheiten.

1987  Das Jugendhilfswerk feiert sein 40 – jähriges Bestehen im Historischen Kaufhaus in Freiburg.

Alltagsnahe erlebnispädagogische Aktivitäten finden Eingang in die Betreuung von Gruppen und einzelnen Jugendlichen. Felsklettern, Kajakfahren und Segeln werden als sozialpädagogisches Medium gezielt in der Arbeit mit Gruppen und einzelnen Jugendlichen eingesetzt.

1988   Der erste Zivildienstleistende im JHW übernimmt Hausmeisteraufgaben, Besorgungen und Botengänge im Haus Konradstraße

Eine Sozialarbeiterin, im Zweitberuf Schreinerin, wird Leiterin der Werkstatt. Die Werkstatt öffnet sich auch für Mädchen. Noch besteht Skepsis in Bezug auf das Interesse und die Chancen von Mädchen zur Übernahme in Handwerksberufe. Aber: zwei Mädchen suchen direkt um Aufnahme und Qualifizierung im handwerklichen Bereich nach.

1989   Die ersten Personalcomputer werden angeschafft, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lernen, damit zu arbeiten. In Personalverwaltung, Rechnungswesen und Schriftverkehr wird Handschriftliches und Schreibmaschine von Darstellungsformen mit PC abgelöst.

Im Bereich Jugendarbeit in der Fürstenbergstraße wird die Clubarbeit mit Heranwachsenden ein eigenständiges Angebot. Die Programmgestaltung wird in die Verantwortung der Heranwachsenden gegeben.

1990   In Freiburg ist eine differenzierte breite Palette von Angeboten und Einrichtungen der Jugendhilfe etabliert. Eine stärkere Vernetzung und träger- und einrichtungsübergreifende Kooperation wird vom JHW angestrebt und über Projekte in Gang gesetzt: Jugend und Beschäftigung, Mädchenarbeit im Verbund.

 

Im WI-JHW wird neben der aktiven Gruppenarbeit mit Video der Computerstützpunkt "BromCom" aufgebaut. Er bietet im Rahmen der sozialpädagogischen Medienarbeit Computerkurse, Gruppenprojekte und offene Treffs für arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Jugendliche und junge Erwachsene an.


1991   Das Medienzentrum des WI-JHW plant gemeinsam mit der Werkstatt ein Radioprojekt und führt es mit den regionalen Sendeanstalten durch. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass das Radio das von Jugendlichen meistgenutzte Medium ist. Benachteiligten Kindern und Jugendlichen soll die Möglichkeit gegeben werden, ihre Anliegen und Themen mit selbstproduzierten Radiosendungen zu vermitteln und in Austausch miteinender zu treten. Daraus entwickelt sich die fortlaufende Projektarbeit Jugend und Rundfunk, die von der Landesanstalt für Kommunikation gefördert wird.

Die Werkstatt eröffnet mit dem Bereich Papier / Buchbinden einen geschützten Arbeitsbereich für Mädchen, der von einer Buchbinderin angeleitet wird. Die Arbeit der gesamten Werkstattbereiche entwickelt sich von der Beschäftigung der Jugendlichen mit einfachen Arbeiten zunehmend zur Fertigung von nachgefragten Produkten, die in Qualität und Ausfertigung höheren Ansprüchen genügen können: Herstellung von Kleinmöbeln, Spielzeugen, Kinderspielgeräten für Spielplätze, Aus- und Umbauarbeiten innerhalb des JHW.

 

1991   Das Medienzentrum des WI-JHW plant gemeinsam mit der Werkstatt ein Radioprojekt und führt es mit den regionalen Sendeanstalten durch. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass das Radio das von Jugendlichen meistgenutzte Medium ist. Benachteiligten Kindern und Jugendlichen soll die Möglichkeit gegeben werden, ihre Anliegen und Themen mit selbstproduzierten Radiosendungen zu vermitteln und in Austausch miteinender zu treten. Daraus entwickelt sich die fortlaufende Projektarbeit Jugend und Rundfunk, die von der Landesanstalt für Kommunikation gefördert wird.

Die Werkstatt eröffnet mit dem Bereich Papier / Buchbinden einen geschützten Arbeitsbereich für Mädchen, der von einer Buchbinderin angeleitet wird. Die Arbeit der gesamten Werkstattbereiche entwickelt sich von der Beschäftigung der Jugendlichen mit einfachen Arbeiten zunehmend zur Fertigung von nachgefragten Produkten, die in Qualität und Ausfertigung höheren Ansprüchen genügen können: Herstellung von Kleinmöbeln, Spielzeugen, Kinderspielgeräten für Spielplätze, Aus- und Umbauarbeiten innerhalb des JHW.

„Auch Jungs mögen ihn“ (Badische Zeitung), den 1. Freiburger Mädchenkalender. Er greift die Interessen und Bedürfnisse von Mädchen auf und gibt einen Überblick über mädchenspezifische Angebote im Raum Freiburg. Der Mädchenkalender wird vom Medienzentrum des WI-JHW mit Mädchen  - in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Mädchen-Arbeitskreisen im Raum Freiburg entwickelt und herausgegeben.

1995   Drei Werkstattbesucher wollen unbedingt den fehlenden Hauptschulabschluss nachholen und suchen Unterstützung und Nachhilfe. Eine im Papierbereich der Werkstatt tätige Mitarbeiterin ist u.a. Hauptschullehrerin. Sie unterstützt und hilft – monatelang zur Vorbereitung auf die externe Schulfremdenprüfung.  3 Jugendliche machen mit Erfolg den externen Hauptschulabschluss. Die Werkstatt führt den systematischen Unterricht als integrierten Bestandteil der vorberuflichen Qualifizierung ein. Benachteiligte Jugendliche ohne Hauptschulabschluss können sich nun mit Unterstützung ergänzend zu ihrer Arbeit in der Werkstatt auf den externen Hauptschulabschluss vorbereiten.

Angesichts der wachsenden Zahl von Gewaltdelikten bei delinquenten Jugendlichen und Heranwachsenden entwickeln die Mitarbeiter aus dem Bereich „Betreuungsweisungen“ ein Anti-Gewalt-Training, das in Kooperation mit Jugendgerichtshilfe und Bewährungshilfe für jugendliche Straftäter angeboten wird.

Zum 10. Deutschen Jugendhilfetag in Leipzig, der unter dem Motto „Partizipation“ steht, produzieren Jugendliche mit Unterstützung des Medienzentrums (WI-JHW) die 1. interaktive CD – ROM der Jugendhilfe.

1997   Die besorgniserregende Zunahme junger Menschen, die sich der Schulpflicht verweigern oder durch Auffälligkeiten von der öffentlichen Schule verwiesen werden, veranlasst den Leiter des Wissenschaftlichen Instituts, Fachleute aus Jugendhilfe und Schule einzuladen zu Gesprächen am Runden Tisch „nicht beschulte Kinder und Jugendliche“.  Mit diesen Fachgesprächen wird der vernetzte Erfahrungsaustausch und die Entwicklung angemessener erzieherischer und schulischer Angebote für die von Ausgrenzung bedrohten Kinder und Jugendlichen verfolgt.

Jungen Menschen eine Chance! ist deshalb das Motto für die Jubiläumsfeier und zahlreiche Veranstaltungen zum 50 jährigen Bestehen des Jugendhilfswerks Freiburg e.V.  

1998   Im Quartier Westlich der Merzhauser Straße (WdM) kündigen sich Merkmale eines sozialen Brennpunktes an: hohe Bevölkerungsdichte, überdurchschnittlich hoher Anteil von Menschen aus anderen Herkunftsländern, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfebezug, Alleinerziehende. Die Sozialtherapeutische Jugendarbeit (Fürstenbergstraße) stellt sich zusätzlich einer neuen Aufgabe:
quartiersbezogene mobile Jugendarbeit (WdM).
Aus persönlichen Kontakten zu einem äthiopischen Kinder- und Jugendzirkus, der Straßenkinder in Addis Abeba integriert und fördert, aus JHW-spezifischen Erfahrungen, Fachdiskussionen, aus jugend- und gesellschaftspolitischem Interesse gibt das JHW einer Phantasie Raum: Eine Begegnung von Fachkräften aus dem JHW und kooperierenden Einrichtungen mit dem Circus Ethiopia in Addis Abeba wird realisiert. Im darauffolgenden Jahr sind Jugendliche des Circus Ethiopia in Freiburg zu Gast, zur Begegnung mit deutschen Jugendlichen: Im JHW durch gemeinsame Aktivitäten, durch Zusammenarbeit in der Werkstatt, im Medienzentrum des WI-JHW. In diesen 2 Jahren entsteht aus Freiburger Gastfamilien und Förderern der  „Freundeskreis Circus Ethiopia“, der Kontakt, Begegnung und finanzielle Unterstützung des Projektes ehrenamtlich weiterführt.

1999
  Durch den Rückgang stationärer Hilfen zugunsten des Ausbaus ambulanter Angebote und Hilfen zur Erziehung ist die Wohngruppe zuletzt jahrelang finanziell ein krisenbelasteter Bereich des Jugendhilfswerks. Vorstand und Mitarbeiterschaft bemühen sich ausdauernd, dieses Angebot zu halten, das – 23 Jahre lang - zahlreichen jungen Menschen Obhut, Geborgenheit, Betreuung und pädagogische Begleitung gegeben hat.  Am 31. Juli 1999 wird die Sozialtherapeutische Wohngruppe Haus Konradstraße geschlossen.

2000   Das Wissenschaftliche Institut, das zu Anbeginn in der Erwinstraße, später in der Günterstalstraße zu finden war, zieht in das Anwesen Konradstraße 14 ein.

An den Heilpädagogische Hort richtet sich ein wachsende Bedarf an Hortbetreuungsplätzen für Kinder. Eine 4. Hortgruppe wird eingerichtet. Damit wird es sehr eng im Karl-Härringer-Haus in der Fürstenbergstraße. Unter einem Dach befinden sich die Geschäftsführung und Zentralverwaltung, die Sozialtherapeutische Jugendarbeit mit dem Angebot der Offenen Tür, zahlreichen Gruppen und der Heilpädagogische Hort mit nunmehr 4 Gruppen und 40 Kindern.

Gleichzeitig platzte die Werkstatt räumlich aus allen Nähten. Wo einst mit dem Zusägen und Verzieren von Vesperbrettern mit Jugendlichen begonnen wurde, ist allmählich eine Werkstatt mit den Bereichen Metall-, Holz-, Bildhauerei - und Papier entstanden, die nun durch anwendungsorientierte Arbeit am PC für Mädchen und junge Frauen ergänzt werden soll. Die Werkstatt verfolgt mit einem grundlegend neuen Konzept „Arbeiten Lernen Qualifizieren“ eine stärkere Orientierung an den Realitäten des  Arbeitsmarktes, um die Vermittlungschancen von Jugendlichen in Ausbildung und Arbeit zu erhöhen und ihnen damit bessere Zunkunftschancen in einer Zeit zunehmender Arbeitslosigkeit zu ermöglichen.

 

2001   Werkstatt und Geschäftsführung/Zentralverwaltung des JHW ziehen unter ein Dach in ein industriell geprägtes Umfeld Helligestraße 2 um. Im Zeitraum von 2 Jahren haben sich damit die räumlichen Bedingungen und Möglichkeiten im gesamten JHW grundlegend verändert.

Entscheidende Veränderungen ergeben sich in den letzten Jahren insbesondere durch die politischen Entscheidungen der Europäischen Union. Gleichzeitig leitet die Jugendhilfepolitik die regionale Steuerung von Angeboten für sozialräumliche Bedarfe ein. Teilweise brechen bisher planbare Zuschüsse für Aufgaben der Jugendhilfe weg. Seit 1999 verhandelt und fördert die Stadt Freiburg im Rahmen eines Fördervertrages mit dem Jugendhilfswerk jeweils für 2 Jahre die Inhalte und Finanzierung von Leistungen. Darüber hinaus muss sich das JHW in zunehmendem Maße um ergänzende innovative Projekte zum Abbau von Benachteiligung junger Menschen  bemühen. Dies entspricht dem Engagement des Jugendhilfswerks seit der Gründung. Neu ist die zunehmende zeitliche Befristung der Finanzierung und der konzeptionell – thematische Wandel von Aufgaben in immer größerem Umfang. Das hat Auswirkungen auf die Personalstruktur und die Organisation der Zusammenarbeit im Hilfeverbund:
Die Zahl der Teilzeitdeputate und die zeitlichen Befristung von Anstellungsverhältnissen für Fachpersonal steigt in zunehmendem Maße.

Die Europäische Union beschliesst 1995 das Gender Mainstreaming zur Verwirklichung der Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Politikbereichen. Die geschlechtergerechte Gestaltung aller Produkte einer Organisation ist demnach zum integralen Bestandteil des Denkens, Entscheidens und Handelns aller Beteiligten zu machen.  Dem Jugendhilfswerk ist damit eine neue Dimension der Wahrnehmung von Geschlechterverhältnissen und die Prüfung der Geschlechtergerechtigkeit in allen Entscheidungen vorgegeben, die sie aktiv aufgreift.

2002   Das Jugendhilfswerk gibt sich ein für alle Mitarbeitenden verbindliches Leitbild.